Der König der Kräne

Die Krösche-Kran Service GmbH aus Holzminden baut neun von zehn deutschen Fertighäusern. Doch der Weg zur Marktführer- schaft war steinig. Wie steinig, das weiß niemand besser als Geschäftsführer Dieter Krösche.

Stolz steht Dieter Krösche vor ei- ner meterhohen Deutschlandkarte und betrachtet die vielen Steckna- deln mit den bunten Fähnchen.

Jeder Einstich markiert ein Fertighaus, das unter der Regie des Geschäftsführers der Krösche-Kran Service GmbH gebaut wurde. Es müssen Tausende sein, Zigtau- sende. Denn Krösche ist im Markt der vor- gefertigten Eigenheime der unsichtbare Champion, der heimliche Herrscher, der König der Krane. Bei 90 Prozent Markt- anteil kommt kaum ein Hersteller an dem 74-jährigen Unternehmer aus Holzmin- den vorbei. Und im Augenblick sowieso nicht. Bereits in den ersten sieben Mona- ten des vergangenen Jahres wurden 9.341 Genehmigungen für Ein- und Zweifami- lienhäuser in Fertigbauweise erteilt, eine Steigerung um 9,6 Prozent verglichen mit 2012. 350 bis 400 Aufträge laufen jede Woche bei Krösche ein. Das ist viel, aber nicht so viel, dass man in Hektik verfällt.

Im Gegenteil: Auch bei Auftragsspitzen hält Krösche sein Serviceversprechen. „Wenn heute einer für morgen bestellt, dann machen wir das“, sagt der Chef. In vier Jahrzehnten hat er ein System auf- gebaut, das Kosten spart und gleichzeitig Marktschwankungen auffängt. Die Basis seines Konzepts bilden 32 eigene Auto- krane, verteilt auf zwei Dutzend „mobile Stützpunkte“. Wichtig sei, „dass die Kra- ne da stehen, wo es boomt, damit sich die Fahrtkosten im Rahmen halten“, erläutert Krösche.

Subunternehmer einbinden

Daneben setzt der Senior noch auf ein zweites Standbein: die Subunternehmer, kurz „Subs“ genannt. Das sind rund 40 Betriebe, in deren Fuhrpark sich min- destens ein Kran befindet, der für Krö- sche-Einsätze zur Verfügung steht. Mit diesen Subs stärkt der Niedersachse sein Geschäftsmodell: Nach dem „Ta

xi-Kran“-Prinzip kann er jeden Auftrag annehmen, das heißt, dass ein Hebewa- gen, der bis 17 Uhr bestellt wird, bereits am nächsten Tag verfügbar ist – notfalls europaweit. Zum anderen senkt Krösche die laufenden Kosten. Allein die Erkun- dung der Baustelle, die der Partner vor Ort übernimmt, spart zwei bis vier Mitarbei- ter. Hinzu kommt Vorteil Nummer drei: Wenn Krösche seine Krane nach sechs bis sieben Jahren ausmustert, braucht er sie nicht am freien Markt anzubieten – er reicht sie an die Subs durch.

Diese Neuanschaffungen tätigt Krösche aber nicht nur, weil er will, sondern auch weil er es muss. Denn der Mittelständler ist an einen gewichtigen Lieferanten ge- bunden: an Liebherr. Wie groß die Ab- hängigkeit ist, zeigte sich 2005, als der Konzern aus Ehingen die Produktion von Fertighauskranen einstellen wollte. Eine Katastrophe für den Holzmindener. Vor allem für den Wegfall des LTF 1030-3 mit 30 Tonnen Traglast hätte er so schnell keinen Ersatz gefunden. Entschlossen überarbeitete Krösche das Auslaufmodell: „Meine Vorstellung war, das Gegenge- wicht von vier auf zwei Tonnen zu redu- zieren, den Ausleger von 26 auf 30 Meter zu verlängern und alles ohne zusätzliche Genehmigungen“, sagt er. Außerdem soll- te der Kran auf das Fahrgestell eines in der Großserie hergestellten Scania-Drei- achsers montiert werden. Liebherr rech- nete das Projekt durch und schwenkte um: Nach eineinhalb Jahre präsentierten die Ehinger den LTF 1035-3.1.

Den Moment der Übergabe wird Krösche, der sich zur Abnahme von 50 neuen Fahr- zeugen verpflichtete, nie vergessen. Voll- getankt sowie mit der kompletten Ausrüs- tung und dem Fahrer durfte der Mobilkran nicht mehr als 27,5 Tonnen wiegen. „Die Sensation war, dass der Wagen genau die- ses Gewicht hatte, das war unglaublich“, schwärmt der Unternehmer noch heute. Den Vergleich mit den All-Terrain-Kranen 

scheut er seither nicht. Seine Autokrane verbrauchen weniger Sprit, schonen die Reifen und erhalten als „selbstfahrende Arbeitsmaschinen“ eine Dauergenehmi- gung für freie Fahrt.

Rückschläge inklusive

So gut lief es für Krösche, der gern Zi- garren raucht, Boxkämpfe sieht und al- te Sportwagen lenkt, aber nicht immer. Nur ungern denkt er zum Beispiel an die Mitte der 1990er Jahre zurück. Damals betrug der Marktanteil der Fertighäuser in Deutschland zwölf Prozent. Der Unter- nehmer wollte mehr und legte die Mess- latte auf 20 Prozent. Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, verließ er sein ange- stammtes Geschäftskonzept und entwarf den „Homeworld“, einen Wohnpark mit Muster- und Probewohnhäusern, Messe- und Bauherrenzentrum sowie einem Ho- tel. Weil Krösche die Finanzierung nicht allein stemmen wollte, gründete er mit Unterstützung von Investoren eine Akti- engesellschaft.

Was auf dem Reißbrett wie eine Traum- welt für Häuslebauer aussah, entwickelte sich bald zu einem Albtraum: Bereits der erste Versuch im Landkreis Holzminden, einen Wohnpark zu errichten, scheiterte am Widerstand der Bürger und der Grü- nen im niedersächsischen Landtag. Beim zweiten Anlauf in Oberhausen geriet Krö- sche dann völlig aus der Spur und musste seinen Traum von „Homeworld“ begra- ben. Den Winkelzügen der Kommunalpo- litiker, der Sparkassenmanager und eines US-amerikanischen Aquariumarchitekten war er nicht gewachsen. Mitte 2000 war klar, dass er sich verhoben hatte. Die AG meldete Insolvenz an. Das zwangsverstei- gerte Grundstück, einst für 16,8 Millionen D-Mark erworben, ging für die Hälfte des Kaufpreises an die Stadt Oberhausen.

Der verpatzte Sprung in die Oberliga, die Häme der Kollegen, der ramponierte Ruf – die Niederlage nagt bis heute am Ego. Das Projekt Megawohnpark hat Krösche aber nie aufgegeben: „Ich habe da was in der Hinterhand“, verrät er mit großer Entschlossenheit. Vielleicht kommt ihm sogar die Marktentwicklung entgegen. Im Augenblick sind die Auftragsbücher prall gefüllt und die Branche wächst.

Peter Stippel 

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